Mercators Karte des Nordpols
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Gerhard Mercator (1512-1594) gilt als einer der Begründer der modernen Kartographie. Sein 1595 posthum erschienener Atlas enthält eine der ersten Weltkarten. Die Kugeloberfläche der Erde lässt sich aber nicht verzerrungsfrei auf einer ebenen Karte abbilden. Um eine winkeltreue Abbildung der Erdoberfläche zu erreichen, entwarf Mercator die nach ihm benannte Zylinderprojektion. Winkeltreue ist nur um den Preis mangelnder Flächentreue zu haben. Auf Karten mit Mercator-Projektion erscheinen äquatornahe Flächen zu klein, polarnahe Flächen dagegen zu groß, die Pole sind darauf gar nicht darzustellen.
Um für sein Atlaswerk auch den Nordpol kartographisch erfassen zu können, wählte Mercator deshalb diese Draufsicht. Die nördlichen Teile des eurasischen Kontinents sind recht genau wiedergegeben. Den Norden Amerikas konnte Mercator dagegen nur Gerüchten der Spanier folgend (sola fama Hispanis nota) kartographieren. In ihrem quellenkritischen Duktus scheint die Darstellung also modernen wissenschaftlichen Maßstäben zu genügen. Bei der Darstellung der geographischen und magnetischen Pole folgte Mercator jedoch philosophischen Spekulationen, die eine göttliche Harmonie der Welt (harmonia mundi) unterstellten. Die Grundlage der Karte bildete daher eine eigentümliche Mixtur aus Empirie und okkultem Wissen.
Giorgio Mangani: Rupes Nigra. Mercator und der Magnetismus, in: Ute Schneider/Stefan Brakensiek: Gerhard Mercator. Wissenschaft und Wissenstransfer, Darmstadt 2015, S. 116-131.
Vieles von dem, was Menschen in Europa seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als selbstverständlich, zumindest als erstrebenswert ansehen, wurde in den drei Jahrhunderten zwischen 1500 und 1800 erstmals gedacht oder gemacht: Reisen um die Welt, Genuss exotischer Dinge, grenzenloser Forscherdrang, Infragestellung ehemals geheiligter Traditionen. Andere Haltungen, Verhaltensweisen und Verhältnisse, die ebenso typisch sind für die Epoche der Frühen Neuzeit, erscheinen uns dagegen fremdartig, ja abstoßend: Zensur, Folter, Todesstrafe, Glaubenskriege, Hexenverfolgung, krasse Ungleichheit und Unfreiheit, bis hin zu Sklaverei. Meine Forschungen greifen diese Widersprüchlichkeit auf und reflektieren die eigentümliche Ambivalenz einer »janusköpfigen« Epoche.